Mit 85 zur Lyrik: „Ich wollte Hoffnung produzieren“
Ein Mann aus unserem Ort hat spät im Leben etwas begonnen, womit er selbst am wenigsten gerechnet hätte: Das Schreiben von Gedichten. Der Auslöser war eine Zeit im Ausnahmezustand. Rainer Menges hat jetzt aus den handschriftlichen Zeilen ein Buch erstellt. Wir sprachen über Mut und Erinnerung.

Seit wann schreiben Sie Gedichte?
Erst mit Corona fing es an. Das hat mich sehr berührt und aufgewühlt – und auf einmal habe ich Gedichte daraus gemacht. Prompt hat eine Zeitung eines abgedruckt. Danach kamen Rückmeldungen, sogar vom Münchner Merkur. Da dachte ich: Vielleicht hat das, was ich da schreibe, eine Wirkung.
Erinnern Sie sich an Ihr erstes Gedicht?
Sicher bin ich nicht. „Corona 1“ müsste es gewesen sein. Ich müsste nachsehen.
Was war Ihr Ziel, als Sie damit anfingen?
Ich wollte Hoffnung produzieren – in dieser schwierigen Zeit. Nicht, weil ich irgendwem etwas beibringen wollte, sondern weil ich gemerkt habe: Wenn mich etwas so bewegt, dann fühlen dies auf ähnliche Weise auch andere Menschen. Ein Gedicht kann Gefühle bündeln.
Wie kam es zur Buchveröffentlichung?
Die Idee kam von selbst. Es hat sich einfach ergeben. Niemand hat gesagt: „Du musst das jetzt veröffentlichen.“ Meine ältere Schwester ist in dem Bereich zu Hause, hat es am Anfang aber gar nicht groß verfolgt. Umso schöner ist es jetzt, sie mit dem Buch zu überraschen.

Schreiben Sie eher geplant oder spontan?
Aktuell schreibe ich gar nicht mehr. Aber geplant habe ich nichts. Es ergab sich spontan. Und genau das hatte auch eine Kehrseite: Ich habe vor meinem 90. Geburtstag aufgehört, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Mir ging es dauernd durch den Kopf – morgens schon: Wie formuliere ich dies oder jenes? Irgendwann musste ich sagen: Jetzt ist Schluss.
War das Aufhören schwer?
Ja. Aber alles lief handschriftlich, und tippen kann ich nicht. Für die Korrespondenz war ich auf meinen ältesten Sohn angewiesen. Wenn das Schreiben den Alltag übernimmt, muss man Grenzen ziehen.
Wovon handeln Ihre Texte?
Von allem: Fantasie, etwas Lustiges, etwas Tiefgründiges. Ich habe nie eine Schublade gesucht. In dem Gedicht finden sich auch Sprüche – kleine Beobachtungen, die einen plötzlich anspringen.
Wie viel von Ihrem Leben steckt in den Texten?
Meine Kindheit und Jugend waren durch Krieg und die Zeit danach nicht leicht. Viel Arbeit, viel Pflicht. Und dann: die große Liebe, meine Frau. Sie ist in vielen Zeilen präsent – manchmal direkt, manchmal nur als Ton. Mit meiner Frau habe ich viel erlebt – mit über 60 waren wir campen an den besten Plätzen, am Meer, in Spanien, Italien. Das war Lebensfreude. Ich bin seit ihrem Tod vor acht Jahren allein, und ich stemme mich dagegen, ins Altersheim zu gehen. Auf keinen Fall. Ich brauche im Grunde nur etwas Hilfe im Alltag.
Gibt es ein Gedicht, das Ihnen besonders nah ist?
Mehrere. Das Anfangsgedicht heißt „Was ich mir jetzt noch wünsche“, und das letzte Gedicht ebenso. Darin schreibe ich, dass ich das alles gehabt habe und Gott danke, dass ich es hatte. Vielleicht ist das der rote Faden: das Leben umarmen – mit allen guten und allen dunklen Seiten.
Sie haben ein langes Leben erlebt. Was beschäftigt Sie heute am meisten?
Dass man alte Leute ein bisschen im Stich lässt. Vor allem durch die Digitalisierung: Es wird regelrecht verlangt, dass man alles kapiert. Aber ich kapiere das Digitale nicht. Und dann diese täglichen Kleinigkeiten: Flaschen, die man kaum aufbekommt; Plastikverpackungen, die sich schwer schließen lassen. Oder Beipackzettel und Anleitungen in winziger Schrift.
Was wünschen Sie sich?
Mehr Rücksicht auf Alte – und weniger Hürden im Alltag: größere Schrift oder tatsächliche Hilfe statt „Mach’s online“.
Gibt es auch Dinge, die heute besser sind?
Natürlich. Die Lebensumstände sind besser, und es gibt eine Fülle, die früher unvorstellbar war.
Sie haben erst mit 85 mit dem Schreiben angefangen. Letzte Frage: Was sagen Sie Menschen, die glauben, für Neues sei es zu spät?
Ich fühle mich nicht berufen, anderen Ratschläge zu geben – das muss jeder selbst herausfinden. Aber ich kann sagen: Es ist nie zu spät. 1971 habe ich durch Zufall einen Bauplatz in Hammersbach gefunden, Ersparnisse zusammengekratzt und in Eigenhilfe ein Haus gebaut. Viel selbst gemacht – ohne Geld von daheim oder von der Oma. Wenn man etwas will, findet man Wege. Manchmal sind es Wege aus Stein – und manchmal Wege aus Worten.
Herzlichen Dank für dieses freundliche Gespräch!
